Kronberger Erklärung
März 2010

Handlungsempfehlungen der Initiative Generation CEO aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an die Wirtschaft zur Genderkultur in Vorständen und Aufsichtsräten.

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Höchste Zeit – Gleichberechtigung

Wir sehen, dass die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau auch in Spitzenpositionen von Politik und Wissenschaft angekommen ist, in der Wirtschaft noch nicht. Bei ihren wichtigsten Ämtern in Vorstand und Aufsichtsrat verzichten die Unternehmen im deutschsprachigen Raum nach wie vor auf 50 Prozent der vorhandenen Talente und arbeiten mit Gremien, die zu über 95 Prozent männlich besetzt sind. Der Kulturwandel hin zu mehr Frauen in Vorstand und Aufsichtsrat ist seit vielen Jahren gesellschaftspolitisch erwünscht und volkswirtschaftlich geboten, wird aber nicht umgesetzt. Die Verhältnisse sind heute wie vor 20 Jahren. Gerade mal 2,5 Prozent Frauen bringen Deutschland, Österreich und Schweiz in echten Spitzenpositionen auf die Waage, weit abgeschlagen im internationalen Wettbewerbsvergleich. Die Wirtschaftsunternehmen müssen jetzt handeln und statt bloßer Lippenbekenntnisse echte Fortschritte einleiten.


Markt statt Quote

Wir sind uns bewusst, dass die Genderkultur in Politik und Wissenschaft durch staatliche Regulierung erzwungen wurde, nachdem Selbstregulierung versagt hatte. Wir sind überzeugt, dass eine Quote als Ultima Ratio auch in der Wirtschaft eingeführt werden wird, sofern die Unternehmen keine glaubwürdigen Schritte einleiten. Als Managerinnen würden wir marktwirtschaftliche Prinzipien jedoch immer bevorzugen und glauben, dass es noch nicht zu spät ist für eine Selbstverpflichtung der Wirtschaft anstelle staatlicher Eingriffe. Wer Markt statt Quote will, muss jetzt zeigen, dass er weibliche Talente nicht systematisch aus den eigenen Vorständen und Aufsichtsräten fernhält.


Talent statt Minderheit

Zu einer marktwirtschaftlichen Sicht des Themas gehört auch die Einsicht, dass es sich bei der Forderung nach mehr Frauen in Vorstand und Aufsichtsrat nicht um eine soziale Forderung handelt, die Zugang zu Gremien für Minderheiten erkämpfen will. Vielmehr handelt es sich um die volks- und betriebswirtschaftliche Forderung, nicht die Hälfte der verfügbaren Talente für Spitzenämter zu ignorieren. Wir engagieren uns nicht für den Kampf der Geschlechter, sondern für die Balance der Talente. Eine Forderung nach Parität zwischen Männern und Frauen ist damit nicht verbunden. Internationale Vergleiche belegen, dass ein Anteil von 20 Prozent Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten realistisch ist. Dementsprechend sollte die Wirtschaft anstreben, weibliches Talent in einer Gewichtung von 15 bis 20 Prozent in ihren Spitzengremien zu berücksichtigen und einen Zeitkorridor für die Erreichung dieses Ziels festlegen.


Vorstand und Aufsichtsrat

Ein marktwirtschaftlicher Ansatz gibt zwingend vor, dass der Kulturwandel parallel in Vorstand und Aufsichtsrat stattfinden muss. Wir glauben nicht an einen konsekutiven Prozesserfolg. Das Beispiel Norwegen hat gezeigt, dass ein hoher Frauenanteil im Aufsichtsrat keinen Kulturwandel im Vorstand nach sich zieht. Als erfahrene und erfolgreiche Managerinnen sind wir gerne bereit, Verantwortung in Aufsichtsräten zu übernehmen, allerdings nicht um den Preis, dass uns die Vorstandsetagen weiterhin verschlossen bleiben. Wir empfehlen der Wirtschaft, den erforderlichen Kulturwandel nicht auf Aufsichtsfunktionen zu beschränken, sondern Frauen auch in operative Verantwortung zu berufen. Die Tatsache, dass Unternehmen mit einem hohen Frauenanteil im Management im internationalen Vergleich besonders profitabel sind, dürfte hier ein Anreiz sein.


Führung ist Chefsache

Wir glauben nicht, dass eine Selbstverpflichtung der Wirtschaft messbare Ergebnisse produzieren wird, wenn sie auf die weichen Bindungskräfte des Corporate Governance Kodex allein angewiesen ist. Wir erinnern an die erhofften, aber ausgebliebenen Veränderungen bei der Offenlegung von Vorstandsgehältern, die schließlich per Gesetz erzwungen wurden. Wir erinnern an die spärlichen Fortschritte bei der Abschaffung der Praxis, dass Vorstandsvorsitzende anschließend zum Aufsichtratsvorsitzenden werden. Die bisherigen Erfahrungen mit dem Kodex lassen so weder schnelle noch entschlossene Veränderungen erwarten. Wir empfehlen deshalb mit Nachdruck, das Thema zur Chefsache zu machen und diesen Wandel wie jeden anderen Corporate Change auch aus dem Vorstand zu führen. Wenn die Vorstandsvorsitzenden es wollen und den Kulturwandel anführen, können die Volkswirtschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz den erforderlichen Sprung von 2,5 auf 20 Prozent in einem überschaubaren Zeitraum erzielen.