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Das Abenteuer, groß zu denken – und über sich selbst hinauszuwachsen

Von Helga Hengge

Es waren die Worte von Loppsang an einem stürmischen Nachmittag am Mount Everest, die sich tiefer in meine Seele gebrannt haben als alle anderen. Der Wind schlug ans Zelt, ohne Unterlass, laut und drohend, als würden die Götter die Trommel schlagen. Ein gewaltiger Wintersturm war über den Berg hereingebrochen und hielt uns im Basecamp fest in seinen eisigen Klauen. Es war, als hätte der Berg alles in Bewegung gesetzt, um uns abzuschütteln und nach Hause zu schicken. Schwermut hatte sich in unserem Team ausgebreitet und mit ihr Enttäuschung,Entsetzen und Wut. Ich wollte nur kurz meinen Kopf in die Sherpaküche stecken und Loppsang bitten, meine Wasserflasche mit heißem Tee zu füllen, um mich dann in mein Zelt zurückzuziehen und allein zu sein. Aber Loppsang rief mich zu sich. „Komm, Helga, setz dich zu mir.“ Dabei klopfte er auf den Platz neben sich. Ich schüttelte den Kopf. Er ließ nicht locker und so setzte ich mich schließlich zu ihm auf die Küchenbank. Was er dort zu mir sagte, wird mir niemals mehr aus dem Kopf gehen.
Er sagte: „Weißt du, Helga, du musst dir keine Sorgen machen. Chomolungma (tibetisch für Mount Everest – Muttergöttin der Erde) hat uns den Sturm geschickt, weil sie gemerkt hat, dass wir für den Aufstieg nicht stark genug sind, damit wir Zeit haben, uns auszuruhen und wieder zu Kräften zu kommen. Und wenn sie merkt, dass wir so weit sind, dann wird sie uns die Sonne schicken und dann werden wir mit Leichtigkeit aufbrechen und zum Gipfel aufsteigen.“
Ich habe ihn lange angeschaut, vielleicht weil ich hoffte, er würde mir erklären, wie er auf diese Idee gekommen war, aber das tat er nicht. Er hat dem Berg vertraut. Ich glaube, es hat etwas mit Respekt zu tun, mit Ehrfurcht und mit Glauben. Und der geht uns oft verloren, wenn es schwierig wird, wenn ein Sturm kommt und unsere ambitionierten Pläne zunichtemacht. Dann fangen wir an, mit unserem Schicksal zu hadern, uns über den Berg zu ärgern und uns in Sorge zu winden. Anstatt die Stunden zu nutzen, uns zu stärken, um bereit zu sein, wenn die Sonne kommt. Wie oft in unserem Leben kämpfen wir gegen den Sturm, statt ihm zu vertrauen? Vielleicht sollten wir den Stunden in unserem Leben, in denen wir uns klein und ohnmächtig fühlen, in denen wir ringen, hadern und bangen, mehr Vertrauen schenken als allen anderen, denn es sind die Stunden, in denen das Leben uns am Schopfe packt und auffordert, über uns selbst hinauszuwachsen.

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Zehn Fragen an Helga Hengge

Helga Hengge ist Extrembergsteigerin und Autorin. Als erste deutsche Frau bestieg sie 1999 den Mount Everest. Diese Erfahrung macht sie heute zu einer gefragten Rednerin in den Führungsetagen deutscher Unternehmen. Vor ihrem nächsten Abenteuer nahm sie sich noch Zeit für ein Interview mit GenCEO.

GenCEO: Frau Hengge, Sie haben als erste deutsche Frau die „Seven Summits“ – die höchsten Gipfel der Erde – bestiegen. Der Mount Everest war einer davon. Wie lange haben Sie sich auf diese Expedition vorbereitet?

H. Hengge: Drei Jahre. Ich habe damals in New York gelebt und bin jeden Morgen 12-mal um den Washington Square Park gejoggt, unendliche Stunden auf dem Step-Gerät aufgestiegen, mit Gewichten im Rucksack, und habe jeden freien Abend in der Kletterwand verbracht. Und ich war in den drei Jahren auch auf vielen Expeditionen, 6000er in den Anden und ein kleiner 8000er im Himalaya, um meine Fitness zu testen und Erfahrungen mit der Höhe und der extremen Kälte zu sammeln, bevor ich mich an den höchsten Berg der Welt gewagt habe.

Ein Sturm am Mount Everest scheint mir nicht ungewöhnlich. Lässt sich der Aufstieg nicht einfach einen Tag verschieben?

Am Mount Everest gibt es ein Wetterfenster, das meistens in der zweiten, dritten oder vierten Maiwoche kommt – ein kurzes Zeitfenster von drei bis vier Tagen, in dem sich der Jet-Strom durch den herannahenden Monsun plötzlich in höhere Lüfte und Richtung Norden verschiebt. Dann wird es im Gipfelbereich relativ warm und windstill. Dieses Fenster gilt es zu erwischen. Deswegen reisen die meisten Bergsteiger Anfang April im Basecamp auf 5200 Meter Höhe an, um in den noch stürmischen Aprilwochen die Höhencamps vorzubereiten, um dann Anfang Mai bereit zu sein für den Aufstieg zum Gipfel. Wenn es nicht gelingt, bis Anfang Mai alle vier Höhencamps einzurichten und die Route vorzubereiten, dann wird ein Aufstieg zum Gipfel mit jedem weiteren Tag unwahrscheinlicher. Einen Tag Puffer hat man immer, aber am Everest dauern die Stürme meist mehrere Tage und danach ist der Berg oft ein anderer, die Fixseile sind im Schnee begraben, die Zelte eingedrückt, die Lawinengefahr groß.

Hatte der Sherpa Loppsang recht, als er sagte, Sie seien noch nicht stark genug für den Aufstieg?

Ja, sicher – der Sturm war auch eine Chance für uns alle, zur Ruhe zu kommen, uns im Basecamp zu stärken und noch besser zu akklimatisieren, aber solange nicht alle Höhencamps bereit standen, hatten wir auch Angst, das Wetterfenster zu verpassen. Es ist die große Kunst, am Berg unendlich viel Willenskraft mitzubringen und trotzdem loslassen zu können. Die Sherpas konnten das, sie haben dem Berg vertraut. Für uns war das oft sehr schwer. Loppsang war unser Lead-Sherpa, 32 Jahre alt, er kommt aus dem Khumbu-Tal, südlich des Mount Everest, und hat schon viele Expeditionen im Himalaya begleitet. Er stand schon drei Mal auf dem höchsten Schneefeld der Erde und hat unser Team zum Gipfel geführt.

Inwiefern helfen positives Denken und ein entspannter Geist in solchen Situationen?

Enorm viel, aber das sagen Sie mal einem Bergsteigerteam, das tage- und nächtelang in einem Sturm im Basecamp gefangen sitzt, unter einer millimeterdünnen Plastikplane haust und sich das alles ganz anders vorgestellt hat.

Letztlich sind Sie angetreten, um auf den Gipfel zu gehen. Das haben Sie geschafft. Wie war Ihr Gefühl nach dem Sturm, als die Sonne kam und Sie sich dann auf den Weg nach oben gemacht haben?

Glück, Erleichterung, Dankbarkeit und auch: Jetzt dürfen wir es nicht vermasseln. Es gibt einen wunderbaren Satz aus dem Buch „The Ascent of Rumdoodle“: „She stands there like a goddess … and I for one sent up a fervent prayer that I would not be found wanting in the ordeal that lay before us. In such moments a man feels close to himself.“ Eine Frau auch.

Sind Sie jetzt gelassener, wenn wieder ein Sturm aufzieht?

Am Berg schon. Im richtigen Leben fällt es mir oft viel schwerer, Loppsangs Worte zu beherzigen, aber ich arbeite daran.

Und wenn es mal nicht klappt, Sie auf dem Weg nach oben scheitern? Gehört Scheitern nicht auch irgendwie zum Erfolg dazu?

Ich bin oft gescheitert und nach vielen Wochen am Berg, ohne eine Chance, zum Gipfel aufzusteigen, wieder nach Hause gefahren. Das gehört dazu. Wenn man sich weit hinauswagt, kann man nicht alles perfekt planen. Das ist auch der Unterschied zwischen einer Aufgabe und einer Herausforderung. Eine Herausforderung ist auch immer ein Abenteuer und Scheitern gehört dazu. Das Wichtigste ist, danach wieder aufzustehen, aus den Fehlern zu lernen und mit Enthusiasmus und großem Respekt auf den nächsten Berg zu steigen.

Sind die emotionalen und physischen Erfahrungen, die Sie bei solchen Erfahrungen machen, auch irgendwie im normalen Leben oder im Beruf verwertbar?

Überall, Schritt für Schritt, jeden Tag. Solche Erfahrungen verändern den Menschen in jeder Weise.

Wie ist es um die alpine Gleichberechtigung bestellt? Gibt es noch Bergmachos oder steigen Mann und Frau auf Augenhöhe?

Am Berg ist vor allem der Mensch wichtig, egal ob Mann oder Frau, blond oder grau. Wenn man im Team aufsteigt, geht es nicht darum, dass jeder den größten Rucksack tragen kann (auch wenn es auf den ersten Blick manchmal so scheint), es sind ganz unterschiedliche Stärken, Erfahrungen und Talente wichtig. Wenn alle mit Begeisterung dabei sind und jeder seinen Platz im Team findet, steigen die Chancen für alle, das Ziel zu erreichen.

Was können Sie anderen Frauen von Ihrem Erfahrungsschatz mit auf den Weg geben?

Sich zu trauen, zu kämpfen und über sich selbst hinauszuwachsen. Es lohnt sich, denn das Gipfelglück ist ein besonderer Schatz.