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Anja Hartmann:

Was man von den Eliten der französischen Revolution alles lernen kann ...

Eigentlich ist sie prädestiniert für eine akademisch-wissenschaftliche Karriere: Beide Elternteile sind an der Uni, sie selbst studiert Sozialwissenschaften, promoviert und beginnt die Habil. Zu ungeduldig, auf eine Professorenstelle in Deutschland zu warten, wechselt sie kurzerhand die Perspektive und wird Unternehmensberaterin. Als Partnerin steigt sie nach 12 Jahren bei McKinsey aus und macht sich selbstständig. „Bucketrider“ – frei nach Kafkas Erzählung – nennt sie ihr Unternehmen und bewegt inzwischen die CEOs der Top-200-Unternehmen weltweit im Sinne des Kafka´schen Kübelreiters.

Schon immer haben sie Führungsstrukturen interessiert – zu Beginn ihrer Karriere die historischen, die eine wesentliche Rolle in der französischen Revolution bzw. im Dreißigjährigen Krieg spielten, heute und aktuell die der großen Konzerne, die angesichts Digitalisierung und unsicherer politischer Rahmenbedingen erst noch zeigen müssen, dass sie überleben können (und sollen). Anja Hartmann findet die Analogie zur Historie naheliegend und weiß, dass vieles, was damals Gültigkeit hatte, auch heute noch eine Rolle spielt. „Jede Organisation, die sich anderen Rahmenbedingungen ausgesetzt sieht, egal ob sie nun politisch oder wirtschaftlich begründet sind, muss sich verändern“, erklärt sie. Sie navigiert durch solche Veränderungen. Schaut genau hin, wo die Organisation zu schwerfällig oder strukturell nicht mehr passend ist, fragt, ob die Führungsmannschaft flexibel genug oder wie dialog- und kritikfähig sie ist. „All das sind Komponenten, auf die man genauer schauen muss, wenn man nicht wie der Kübelreiter bei Kafka am falsch verstandenen Marketing scheitern will“, weiß sie. Zu ihren Klienten gehören die CEOs großer Unternehmen ebenso wie die Unternehmen selbst, auch Non-Profit-Organisationen, Verbände oder Start-ups sind in den letzten Jahren hinzugekommen.

Schon früh im Studium entwickelt sie eine Leidenschaft für das „genaue Hinsehen“.  „Ich frage bei allen Themen: Was treibt den Einzelnen? Was bewegt eine Organisation? Was steckt hinter den sichtbaren Entwicklungen?“, erklärt sie ihren Ansatz. Schnell, sagt sie, muss die Erkenntnis daraus folgen. Nicht selten ist das Ergebnis überraschend – auch für ihre Klienten. Die Kombination aus Schnelligkeit und dem genauen Blick hinter die Kulissen ist ihr Erfolgsrezept. Gelernt hat sie ihre Methode im Studium, perfektioniert in 12 Jahren McKinsey. „McKinsey war eine großartige Schule für Themenvielfalt, Menschen und Strukturen“, erinnert sich Anja Hartmann an die Anfänge ihrer Karriere. Ihr Einstieg in diese Welt war eine Abkehr von der akademischen und erfolgte mehr oder weniger zufällig. „Ich steckte mitten in der Habilitation, wusste aber auch, dass ich in Deutschland so schnell keine Professorenstelle bekommen würde“, erzählt sie. Eine Freundin, die bereits bei McKinsey ist, empfiehlt ihr, sich doch einfach mal zu bewerben. Sehr schnell erhält Hartmann ein Angebot, ebenso schnell nimmt sie an. Am Anfang macht sie ein bisschen von allem, schnuppert in die Halbleiterbranche, in die Chemie, in Einkauf und Vertrieb der Stahlindustrie. Irgendwann kommt dann die Energiebranche  hinzu– ein Feld, in dem sie auch heute noch sehr aktiv ist.

Die Nachhaltigkeit ist es schließlich, die sich für diese Branche bald als zentrales Thema herauskristallisiert. Gemeinsam mit dem BDI orchestriert sie eine Studie, an der über 70 Unternehmen und Verbände teilnehmen. „Gerade die Nachhaltigkeit, die ja heute stärker denn je gefragt ist“, sagt Anja Hartmann, „verändert Organisationen in einer Weise, auf die die meisten nicht vorbereitet sind.“ Dieses Spannungsfeld zwischen dem Umfeld und dessen Wirkung auf und in die Organisation ist es, das sie mit ihrer Unternehmensberatung „bucketrider“ adressiert. Der Name entsteht aus der Anlehnung an die Kafka-Erzählung vom Kübelreiter, einem armen Tropf, der zu ungewöhnlichen Mitteln greift, um an Kohle zu kommen, die ihm ausgegangen ist. „Ein schönes Bild“, wie Hartmann findet. „Es reicht eben nicht, das Thema zu verstehen, sondern es muss auch darum gehen, die Rahmenbedingungen zu kennen und begreifen zu lernen. Nur eine ganzheitliche Betrachtung wird zum Erfolg führen.“ Ein Rezept, das sie übrigens auch bei Start-ups anwendet: „Habe ich es bei traditionellen Unternehmen damit zu tun, dass die Organisation sich den Umständen anpassen muss, die ihren bisherigen Erfolg bedrohen, ist es bei Start-ups oft umgekehrt: Hier generiert die Organisation oftmals neue Umstände – z. B. schnelles Wachstum neuer Märkte – und muss sich dann ihrem eigenen Erfolg anpassen.“

Ein halbes Jahr Auszeit nimmt sich die Unternehmensberaterin, als 2010 ihr Sohn geboren wird; eine Unterbrechung, in der sie den Blick von den Inhalten noch stärker auf die organisatorischen Rahmenbedingungen ihrer Klienten lenkt. Die Themen bleiben; Anja Hartmann ist nach wie vor gefragt. Als sie sich vor drei Jahren selbstständig macht, zahlt sich auch das aus. Netzwerken ist eine ihrer Maximen, die sie mit der Aufnahme bei GenCEO nochmals ganz anders „leben“ kann. Inzwischen gehört sie zum Vorstand und ist überzeugt, dass GenCEO etwas ganz Besonders ist. „Ein Netzwerk, das wie ein Sounding-Board funktioniert“, sagt sie. „Ein Netzwerk aus einflussreichen Frauen, die ähnlich agieren und sich unkompliziert miteinander austauschen können. Eine exzellente Basis für die weibliche Zukunft, denn einflussreiche Gruppen waren immer dann besonders erfolgreich, wenn sie sich miteinander vernetzt hatten.“