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Christine Theodorovics

Gipfelstürmerin

Für außergewöhnliche Leistungen muss man bereit sein, sich außerhalb der Komfortzone zu bewegen. Christine Theodorovics kennt sich damit aus. Sie ist Bergsteigerin. Mit diesem Bewusstsein bewegt sich die gebürtige Österreicherin auch in ihrem Job. Seit 2016 ist sie als CEO für das Life-Geschäft der Zurich Versicherung in der Schweiz verantwortlich.


„Ich habe einfach die Möglichkeiten genutzt, die sich mir geboten haben, und danach abgewogen, was für mich interessant und spannend war“, beschreibt Christine Theodorovics ihren beruflichen Weg, der sie bis an die Unternehmensspitze führte. Das klingt sehr bescheiden und wie zufällig passiert. Also beginnen wir die Geschichte etwas anders. Theodorovics spricht fünf Sprachen fließend. Sie studierte Handelswissenschaften in Wien und Alberta, Kanada. Europäische Wirtschaft in Brügge, Belgien und Banking in Zürich. Neben dem Studium reiste sie viel, zum Teil privat, zum Teil als Reiseleiterin – der Job, mit dem sie ihr Studium finanzierte –, und leidenschaftlich gern. Fremde Länder, fremde Kulturen begeistern sie. In den Jahren während des Studiums und ihrer diversen Karrierestationen sind es über 70 Länder, die sie besuchen durfte.

Ihre zweite Leidenschaft ist Sport: Theodorovics ist Bergsteigerin. Erst kürzlich war sie mit dem Extrembergsteiger Peter Habeler auf dem Großglockner – auf Skiern. Es war bitterkalt – zurück kam sie mit leichten Erfrierungen. Eine andere Geschichte, die sie selbst über die Umrundung des knapp unter 7.000 Meter endenden Machapuchare schreibt, liest sich so: „Der folgende Tag wird anstrengend: Über 1.600 Höhenmeter hinauf durch unwegsames Gelände und dichte Vegetation. Und so richtig weiß eigentlich auch niemand, wo es langgeht – nicht einmal die Sherpas. Das macht es umso interessanter; so sind wir unabhängiger. Reinhold bezeichnet uns und sich deshalb sogar als ‚eine Gruppe von Anarchisten‘.“ Der nepalesische Berg gilt als einer der schönsten Gipfel der Erde, hin führte die Gruppe der Vater der Schinderei: Reinhold Messner. Drei 6.000er im Himalaya hat Theodorovics bereits erobert, etliche 5000er, und von den achtundvierzig 4.000ern in der Schweiz fehlt nur noch eine Handvoll. Zu solchen Grenzgängen gehören hin und wieder auch Verletzungen, weiß die 48-Jährige. Aber: „Im Gegenzug lerne ich meinen Körper besser kennen und stehe dadurch Extrembelastungen eher durch als so manch anderer.“ Theodorovics ist zäh, eine Kämpferin. Die Kondition für die Berge holt sie sich beim Laufen. Ihre Bilanz: 20 Marathonläufe. Ihren ersten erläuft sie bei heiteren 32 Grad, ihren schnellsten in 3 Stunden und 20 Minuten. Dass sie außerdem die Langdistanz des Ironman in Zürich überwindet, gehört für sie wohl irgendwie zu einer guten „Work-Life-Balance“ dazu: „Die meisten von uns Managern sind in ihrem Job stark fremdgesteuert und müssen auf Abruf bereitstehen. Umso wichtiger ist es, sich Auszeiten zu nehmen und Energiequellen zu finden, um die Batterien aufzuladen. Nur dann kann man auch im Job wieder richtig gut sein. Und die oft notwendige Extrameile gehen.“
    
In der Finanzwirtschaft ist Theodorovics schon seit über 16 Jahren. Der Quereinstieg passiert tatsächlich irgendwie unvorbereitet. Sie arbeitet noch beim Münchner Markt- und Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest, als ihr ein Headhunter die Türen für eine Managementposition bei der Credit Suisse öffnet. Eigentlich „das Letzte“, was sie wollte: einen Job bei einer Schweizer Bank. Doch in solchen Momenten übernehmen Theodorovics’ Charaktereigenschaften die Führung: Neugier auf Unbekanntes und Offenheit für ganz andere Dinge. Und: Flexibilität in jeder Lebenslage. „Wichtige Erfahrungen und spannende Herausforderungen sind vor allem außerhalb der geplanten Karrierepfade zu finden“, so Theodorovics. Letztlich blieb sie drei Jahre bei der Bank. Nach sechs Jahren bei Swiss Life, in denen sie u. a. die Niederlassungen in Singapur und Dubai aufbaut, wird sie in eine globale Funktion beim Zurich Konzern geholt und im April 2013 in den Vorstand der Zurich Versicherung in Österreich berufen.
 
Ob beim Trekking im Himalaya, ohne iPhone und Kontakt zur Außenwelt, im Base Camp des Manaslu oder bei einem Bergtrip mit Reinhold Messner – mit solchen Erfahrungen holt sich Theodorovics die notwendige Erdung zurück. „Am Berg komme ich regelmäßig wieder auf den Boden und mache mir bewusst, dass meine berufliche Funktion und all die Statussymbole nur geliehen sind.“ Sich treu zu bleiben, auch auf ihrem beruflichen Weg, ist Theodorovics besonders wichtig. Sie möchte authentisch bleiben, ihre Seele nicht verkaufen. „Es gibt für mich ganz klare Grenzen, und die sind dazu da, eingehalten zu werden“, sagt sie. Frauen, glaubt sie, können das besser als Männer, die sich oft viel eher einer bestehenden Hackordnung unterwerfen. Eine Erfahrung übrigens, die auch andere GenCEO-Ladies teilen.

Bei aller Stärke und Fokussierung ist sie jedoch auch sicher, dass Frauen in einer männerdominierten Berufswelt allein wenig ausrichten können. „Dazu braucht man vor allem auch die Männer“, sagt sie: „Sponsoren oder Fürsprecher, die für Gleichberechtigung eintreten und Frauen mit ihrer Stimme eine echte Chance geben.“ Theodorovics ist überzeugt, dass die „HeForShe“-Kampagne der UN Women – wo Männer sich für die Frauenrechte starkmachen – der richtige Weg ist. Sie kann sich auch vorstellen, irgendwann einmal ihre Managerkarriere an den Nagel zu hängen und sich diesem und anderen Themen dieser Art intensiver zu widmen. Gern gibt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen als Mentorin weiter. Ihr Rat an Berufseinsteigerinnen: „Seid flexibel, habt Mut, Herausforderungen anzunehmen. Und bringt immer die beste Leistung, die gefordert ist und die ihr geben könnt. Investiert in Weiterbildung, geht ins Ausland. Gerade internationale Erfahrungen sind eine tolle Chance und erweitern den Horizont – beruflich und persönlich!“