Das exklusive Business Netzwerk für Frauen im Top Management

Sabine Scheunert

Sie macht es ein bisschen anders als andere, wechselt von München nach Paris, von Paris nach Shanghai und jetzt nach Stuttgart. Sabine Scheunert ist in ihrem Umfeld für ungewöhnliche Karriereschritte bekannt, und das vor allem in der Automobilindustrie, einer klassischen Männerdomäne. Seit 2013 gehört sie zu GenCEO – hier ist ihre Geschichte.

Markenzeichen:
Teekultur aus China

Am meisten fasziniert ist Sabine Scheunert bis heute von der unglaublichen Gastfreundschaft der Chinesen, die sich unter anderem in den Teezeremonien, die zu jedem geschäftlichen Treffen gehören, ausdrückt. 459 Händler gehören in Shanghai, Scheunerts letzter beruflichen Station, bevor sie Mitte des Jahres zu Daimler nach Stuttgart wechselte, zu ihren Geschäftspartnern, die es regelmäßig aufzusuchen galt. „Jeder dieser Besuche wurde durch eine Teezeremonie veredelt“, erzählt sie; eine Kultur, die sie mit zurück nach Deutschland genommen hat und die hier zu ihrem Markenzeichen geworden ist. „Die Zeremonie entschleunigt“, beschreibt sie den besonderen chinesischen Umgang mit Tee. „Man braucht eine Weile, bis es ans Thema geht, aber das ist auch manchmal gar nicht schlecht“. Knappe zwei Jahre lebt Scheunert in Shanghai; als China-Chefin von Citroën ist sie die erste Frau überhaupt, die das für die Autobauer so wichtige Geschäft im Reich der Mitte leitet.

Den Kulturschock, den sie durchaus als solchen empfindet, nimmt sie mit viel positiver Energie gelassen. Muss sie auch, denn sie startet in einer Krisensituation und sieht sich bei Citroën mit rückläufigen Verkaufszahlen konfrontiert. Ihr Leben kreist um den Job und um ihre Familie, die sie mit nach China genommen hat. Ungewöhnlich wie diese ist auch ihre Entscheidung, in Shanghai nicht in ein von Europäern dominiertes, sondern in ein rein chinesisches Viertel zu ziehen. Dass sie anfangs kein Wort Chinesisch spricht, ist für sie keine Hürde. Allerdings: „Ohne Dolmetscher geht nur wenig, und ich hab sofort gewusst, ich muss diese Sprache erlernen“, erinnert sie sich. Heute bedauert sie es, dass schlicht die Zeit für intensivere Sprachkurse oder auch andere kulturelle Erfahrungen vor Ort gefehlt habe. Stattdessen muss sie in China Feuerwehr spielen, gleich mehrere Dinge meistern: die Einführung neuer Modelle, den Aufbau des Händlernetzes, den Spagat zwischen Rabatten und Lagerbeständen. Dass sie eine Frau sei, helfe ihr bei der Vielfalt der Aufgaben, erklärt sie in einem Porträt von N24. Sie hebe sich ab in dieser männerdominierten Welt. Überhaupt: Frau sein. „Ich bin mir meines Frau-Seins sehr bewusst, und gerade weil ich das bin, war dieses Frauenthema im Zusammenhang mit Karriere nie eines für mich.“ Vielmehr ginge es doch um Authentizität und das, was man mitbringe an Kompetenz und Erfahrung. Eine Aussage übrigens, die man nicht nur von Sabine Scheunert bei GenCEO hört, sondern die im Netzwerk weit verbreitet ist.

Anfang des Jahres erhält Scheunert einen Anruf, der ihr Leben von heute auf morgen wieder auf den Kopf stellt: Daimler will sie für den neu geschaffenen Posten Digital & IT gewinnen. Als Vice President Digital & IT Marketing and Sales Mercedes-Benz Cars soll sie dafür sorgen, dass die Marke Mercedes-Benz digitaler wird. Ziel ist es, bereichsübergreifend mit einer gemeinsamen Initiative von Marketing und IT in kurzer Zeit eine Digital Unit unter ihrer Leitung aufzubauen. Hier soll dann die personelle und digitale Infrastruktur „für den Kundendialog von morgen“ gebündelt werden. Die Aufgabe klingt für sie so spannend, dass sie erneut die Koffer packt. Dieses Mal, um nach Stuttgart zu gehen, der häufig unterschätzten Landesmetropole von Baden-Württemberg. Scheunert kennt niemanden hier – bis auf die Regionalgruppe von GenCEO, die sie herzlich empfängt und ihr die ersten Schritte deutlich leichter macht. Ansonsten ist alles wie immer: Eine neue Stadt, ein neues Team, neue Kollegen, eine neue Aufgabe, lediglich die Branche ist dieselbe geblieben. „Du fängst in keinem neuen Job wirklich bei Null an“, kommentiert sie ihren Wechsel ins Ländle. „Du bringst ja schließlich vieles mit, was du bereits bei anderen Stationen erprobt und getestet hast.“

Seit 1998 ist Scheunert in der Automobilbranche unterwegs, davor macht sie erste internationale Schritte für Hewlett Packard in Grenoble. Ende der 1990er-Jahre dann BMW; auch hier wird Scheunert sehr schnell international und kümmert sich um die Marketingkommunikation und das Produktmanagement der Vertriebsregion Europa. „Diese ersten internationalen Erfahrungen haben mich geprägt“, sagt sie heute. „Das und spannende Weggefährten, die mir unterwegs geholfen haben, mit denen ich mich austauschen, von denen ich lernen konnte.“ Sie lernt durch die gesellschaftliche Realität der Länder, in denen sie aktiv ist, auch, wie unterschiedlich das Rollenverständnis jeweils ist. „In Frankreich“, erzählt Scheunert, „ist eine arbeitende Mutter mit nicht selten drei Kindern ganz selbstverständlich; du bist eher die Ausnahme, wenn du nicht arbeitest“. Auch in China ist eine Frau mit Kind, die ihren Job macht, die Regel. „In Deutschland ist das Thema dagegen leider immer noch schwierig“, findet sie. Auch wenn Deutschland kräftig in der Kita-Politik aufgeholt habe, gehe hier noch mehr. Die Politik müsse ihren Lippenbekenntnissen Taten folgen lassen und z. B. mehr Möglichkeiten für eine Ganztagesbetreuung ab Schuleintritt einrichten.

Allerdings: Auch bei diesem Thema bleibt Scheunert sehr pragmatisch: „Es liegt immer an einem selbst, wie aktiv man ist, wie sichtbar man trotz Kindern bleibt.“ Aktivität ist für sie auch ein Schlüsselwort, wenn es um GenCEO geht. „Wir müssen unsere Stärke intensiver nutzen; GenCEO darf nicht nur eine Sammlung exzellenter Frauen sein, sondern muss auch Kante zeigen“, meint sie. „Und das müssen wir uns alle vornehmen. Jede Einzelne muss mit ihrem Netzwerk, ihrer Kompetenz, ihrer Erfahrung für deutliche Positionen sorgen. Nur so werden wir letztlich gemeinsam etwas bewirken und verändern.“