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Wirtschaftserfolg gemeinsam weiblich gestalten.

Ursula Soritsch-Renier

Wiener Entscheidungsfreude

Sie ist pragmatisch und schnell – zwei Attribute, die man den Wienern gemeinhin nicht so ohne Weiteres nachsagt. Aber Ursula Soritsch-Renier ist eben keine typische Wienerin, auch wenn sie dort geboren ist. Schnell und resultatorientiert  – diese Begriffe fallen häufig, wenn sie selbst über ihre Karriere spricht. Auch Kollegen und ehemalige Vorgesetzte bescheinigen ihr Mut zur pragmatischen Entscheidungsgeschwindigkeit.

Wie schnell Entscheidungen bei ihr fallen, zeigt 2013 ihr Wechsel vom Pharmakonzern Novartis in Boston zum Maschinen- und Anlagenbauer Sulzer in der Schweiz. Nach einem ersten Kontakt mit einem Headhunter und einem Telefonat mit dem Finanzvorstand des Konzerns fliegt sie bereits eine Woche später nach Winterthur, bekommt am selben Tag ein Angebot und beschließt, es keine 24 Stunden später anzunehmen. „Wenn ich eine interessante Herausforderung bekomme“, sagt sie, „dann muss ich nicht lange überlegen.“

Der damalige Konzernchef Klaus Stahlmann weiß, dass Ursula Soritsch-Renier – als dritter CIO innerhalb weniger als zweieinhalb Jahren – die Richtige für die schwierige Phase ist, in der das Unternehmen damals steckt. „Sie versteht es, ihre Mitarbeiter zu motivieren und auf die gemeinsamen Ziele auszurichten“, sagte er.  
Das Unternehmen baut aus Kostengründen Doppelstrukturen ab – auch für die IT eine besondere Herausforderung und für Ursula Soritsch-Renier die erste Mammutaufgabe als CIO. Gilt es doch, konzernweit die IT-Paralleluniversen abzubauen und zu vereinheitlichen. Kein leichtes Unterfangen bei 170 Standorten. Gewohnt schnell und pragmatisch geht sie die Aufgabe an. Für sie zählen Geschwindigkeit und Flexibilität mehr als die perfekte Architektur. „Besser eine schnelle Brücke schlagen, als die Architektur im Vorfeld perfekt zu modellieren“, sagt sie. Nicht bei jedem kommt das an, aber Soritsch-Renier setzt sich durch. Ihre Entscheidungsfreude und ihr Verständnis für die Rolle der IT in einem Unternehmen sind schließlich die Basis des Erfolgs.

„IT muss Business ermöglichen“, erklärt sie. „Ich stelle nicht die Technologie, sondern den Menschen und seine spezifische Aufgabe in den Mittelpunkt.“ Kein IT-Projekt sei bislang an der Technologie gescheitert. „Technologien kann man immer funktionell anpassen. Im Prinzip geht es ja immer um die Optimierung von Prozessen, aber auch vor allem darum, die Mitarbeiter beim entsprechenden Change-Prozess mitzunehmen“, beschreibt sie ihr IT-Verständnis. Kommunikation, Empathie und Verständnis sind die Aspekte, die eine Veränderung der IT-Welt, egal, wie massiv sie auch sein mag, erst erfolgreich machen. IT wird zu einem echten Enabler und einem zentralen Schlüssel für Changeprozesse. Ihr Ansatz kommt an: Bei Sulzer leitet sie inzwischen zusätzlich als Group Digital Leader die konzernweite digitale Transformation.

Sie hat Spaß am Formen und Verändern und setzt sich nahezu selbstverständlich in zwei Männerdomänen gleichzeitig durch. Dass ihr dabei als Frau in einer solchen Funktion besondere Aufmerksamkeit widerfährt, ist eine Tatsache, mit der sie sich arrangieren kann. Oft ist sie die einzige Frau unter Männern – ein Vorteil bei der Wiedererkennung, ein Nachteil in männlichen Zirkeln. „In männlichen Clubs oder Netzwerken bleibst du als Frau schlicht außen vor“, weiß sie aus Erfahrung. Auch das übrigens ein Grund, warum sie GenCEO schätzen gelernt hat.

„Hier hilft mir der Austausch mit den Kolleginnen aus dem Netzwerk sehr“, erklärt Soritsch-Renier. Der Dialog mit spannenden Frauen auf Augenhöhe ist für sie immer wieder Inspiration und auch Bestätigung für das eigene Rollenverständnis in einem von Männern geprägten Umfeld. Daher engagiert sie sich auch selbst ganz aktiv im Netzwerk. „Man muss in einem solchen Zirkel aktiv sein“, beschreibt sie ihre Motivation für das Engagement. „Wenn man nicht bereit ist, etwas zu geben, macht Netzwerken keinen Sinn. Und bei GenCEO haben wir einfach die große Chance, auf gleichem Niveau miteinander ins Gespräch zu kommen und unsere Erfahrungen innerhalb der ‚Man´s World’ zu teilen.“

Eine „Man´s World“, die übrigens von Land zu Land, von Kultur zu Kultur nicht immer die gleiche ist. Die Schweiz ist bereits das fünfte Land, in dem sie beruflich tätig ist. Hier lebt sie mit ihrem Mann, der als Künstler seine Zeit frei einteilen kann und sich um den Haushalt und den gemeinsamen Sohnes kümmert – ein Rollenbild, das in dieser Form im deutschsprachigen Raum nicht alltäglich ist. Dass sie damit auffällt und auch manches Mal als „bunter Vogel“ gilt, stört sie wenig. Sie ist geerdet, mit einem gesunden Selbstverständnis ausgestattet. Einem Selbstverständnis, das sie auch ihren Eltern verdankt, die ihr schon als Kind deutlich gemacht haben, dass es auch Mädchen möglich ist, alles zu erreichen, wenn sie es denn dann wollen. Sie kombinierte Philosophie mit Informatik, nachdem sie bereits ein Wirtschaftskolleg abgeschlossen hatte  – ungewöhnlich, aber spannend für Soritsch-Renier.

Auch die Kombination von Kind, Familie und Karriere ist für sie keine große Sache, über die es sich zu reden lohnt. „Es ist doch immer eine Frage des Wollens“, sagt sie deutlich. „Mit Organisation und der Hilfe des Partners kann es jede(r)  schaffen.“ Auch ihre Rolle als Frau in einer Männerwelt ist für sie kein Thema. „Mir geht es gut. Mein Job macht mir Spaß, weil ich hier genau das tue, was ich tun möchte, nämlich Dinge formen und verändern. Dass ich dabei als Frau auch polarisiere, weil ich eben anders kommuniziere oder nicht jeden Tag Hosen trage, ist doch klar“, erklärt sie. „Am Ende muss man ja Resultate bringen, egal ob Mann oder Frau.“